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DAS INTERVIEW

BNN, Andreas Jüttner, 25.11.2014

Beim Verlassen des Theaters schnappt der Rezensent einen Satz auf, der das Gesehene besser zusammenfasst als jede Kritik: „Schade, dass man in solche Stücke nie mit der Schule geht“, hört er aus einer Gruppe von vier jungen Frauen.
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Worum geht es? „Das Interview“ beruht auf dem gleichnamigen Film, den der niederländische Filmemacher van Gogh 2003 drehte.
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Die beiden Kontrahenten in diesem Dialog-Duell sind die Schauspielerin Katja, landesweit beliebt für Schmachtfilme und seichte Serien, und der gleichermaßen ambitionierte wie frustrierte Politik- und Krisenreporter Pierre. Ausgerechnet an dem Abend, an dem die Regierung zurücktreten wird (was Pierre nicht zuletzt seinen Veröffentlichungen zuschreibt), soll er nun keinen Ministerpräsidenten interviewen, „sondern zwei Titten, die keinen graden Satz herausbringen“. Doch dieses angebliche Barbie-Püppchen beherrscht die Kunst der hinterhältigen Psychospielchen, mit denen beide Interviewpartner ihre wahren Absichten verbergen – auch vor dem Publikum: Erzählt Pierre nur zufällig vom Tod seiner Tochter, oder will er bei Katja etwas auslösen? Bedient oder entlarvt Katja mit ihren Verführungsversuchen ihr öffentliches Image? Und wer von beiden hat letztlich wen in der Hand?

Auch wenn das Stück am besten zur Geltung käme, wenn ein echter Soapstar à la Yvonne Catterfeld die Hauptrolle spielen würde, zeigt Joanna Kitzl als Katja eine enorm starke Vorstellung. Das attraktive Äußere, die emotionalen Extreme, die scheinbar zufällige Laszivität und die eiskalte Berechnung – alles nimmt man ihr ab. Jannek Petri wirkt zwar nur bedingt wie ein hartes Kriegsbericht-Frontschwein, die psychologischen Facetten der Figuren und die Wendungen des Stücks aber transportiert er souverän in der trittsicheren Inszenierung von Dominique Schnizer, die weitgehend gut getimt ist.
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Badisches Tagblatt, Ute Baumeister, 25.11.2014

"Ich fühle mich wie eine Fassadenmauer, die jeder anpissen kann", erklärt die Schauspielerin Katja dem Reporter. Sie ist jung, reich, schön und berühmt. Er will eigentlich politischen Journalismus betreiben, springt jedoch für einen Kollegen ein und führt das Gespräch mit der aus "Luft, Sägemehl und Silikon" bestehenden Frau, die ihn nicht interessiert und deren Welt er nicht versteht. (…) Die beiden belauern und bekriegen sich, es geht um Lüge und Verständnis.
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Dominique Schnizer inszeniert das intensive, teils deftige und drastische Stück als einen wilden, bisweilen auch körperlichen Schlagabtausch zwischen zwei Menschen, die sich lauter Fallstricke stellen, sich quälen und ihre dunklen Seiten nach außen kehren.

Rund 50 alte Röhrenfernseher sind aufeinander gestapelt, eine Videokamera dient Katja immer wieder dazu, die aktuelle Situation aufzuzeichnen, während Pierre sein Aufnahmegerät nur streckenweise einschaltet. Joanna Kitzl spielt den Soap-Star mit einer legeren und nörgeligen Jugendlichkeit, während Jannek Petri den erbittert verhärmten Typen abgibt.
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Viel Applaus für zwei starke Darbietungen an einem sehr bewegenden Theaterabend im Studio, über den die meisten Besucher hinterher noch lebhaft diskutierten.

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