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KABALE UND LIEBE

Badische Neueste Nachrichten, Markus Mertens, 04.10.2013

Wenn das kindliche Lauschen einer Kassette Hingabe sein kann, ist dieser Abend im Badischen Staatstheater beides – Liebe und Zerstörung. Friedrich Schiller, „Kabale und Liebe“, Kleines Haus … Bretter, dünn wie Streichhölzer, ohne Dach und Wände (Bühne: Alain Rappaport) werden der bürgerlichen Luise (Sophia Löffler) zum Zuhause. Die Kleider am Leib interessieren sie kein Stück, nur die Liebe zu ihrem Ferdinand (Thomas Halle), dem Präsidentensohn, rührt ihr die Seele. Der Sofabezug riecht ganz nach ihm, der Magen füllt sich mit gedachten Schmetterlingen. Glück, wie es vollkommener nicht sein kann. Und doch muss die Liebe zwischen beiden brechen
… So wie Simone Blattner es ihrem Publikum in 165 Minuten serviert, wird die „moralische Anstalt“ Theater, die Schiller forderte, zur Bühne heutiger Gräueltaten. Schallend lacht sie uns aus, die wir uns im Wohlstand weiden und doch rein gar nichts verstanden haben. Und so fallen wir in den Abgrund. Denn Luise und Ferdinand scheitern an diesem Abend nicht an Intrigen oder Standesdünkeln – sie scheitern an sich selbst. Besser gesagt: an unserem verlogenen System. Daran, dass wir alles wollen und über nichts mehr reden (können). Weil die Sprache verkümmert, Emotion zu Übertreibung und Partnerschaft zur Obsession geworden sind. Nur der kindliche Klang der Kassette schafft einen Augenblick des puren Glücks, der gleichzeitig auch zum Abgesang wird. Denn schon Sekunden später kollabiert unser inneres Baugerüst; jeder rennt nur nach seinem Heil. So gehen sie hin, die Machtinteressen des schmierigen Präsidenten, die Liebeshoffnungen des aalglatten Widerlings von Wurm (Simon Bauer), die Coolness des windigen Möchtegern-Beaus von Hofmarschall (Ronald Funke) und die verzweifelte Liebe der Lady Milford.

Wir werden aufs Rad dieser Bühne gespannt, das sich unerbittlich dreht und dreht und unsre Knochen bersten lässt. Das ist die eigentliche Qualität dieses Stücks – dass es gerade im Unversöhnlichen so konsequent ist, dass es uns das Herz aus der Brust reißt. Keine Verzeihung, keine Annäherung. Der Tod wird zur kalten, hässlichen Fratze. Doch warum tun wir uns das an, lassen wir uns bereitwillig massakrieren? Weil wir dieses mutige, radikale Theater mit seinen großartigen schauspielerischen Leistungen mehr brauchen, als je zuvor. Acht Minuten donnernder Schlussapplaus sind unser Zeuge – und der lässt keinen Zweifel.

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