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BORIS GODUNOW

Badische Neueste Nachrichten, Isabel Steppeler, 21.07.2014

Beides, Bühne und die extrem emotional ausgeführten Situationen und seelischen Konflikte kamen gut an beim Premierenpublikum. Sicherlich auch dank der eindrucksvoll durch Chöre und Solisten heraufbeschworenen Wucht der expressionistischen Musik vom Schöpfer der berühmten „Bilder einer Ausstellung“. Im Finale fällt wie durch Mosaikfenster einer Kathedrale Licht durch deren Ritzen, das göttliche Licht, an das der beeindruckende Gottesnarr im weißen Gewand zwischen jedem der sieben Szenen so eindrucksvoll gemahnt. Dieser Narr und der das russische Volk verkörpernde Chor bilden auf äußerst eindrucksvolle Weise Kitt und roten Faden aller Szenen. Hans-Jörg Weinschenk singt mit gebrechlicher, greinender Stimme die Weisen dieses Narren.

Für Konstantin Gorny ist dieser Boris eine Paraderolle, die der Bassist mit dunklem Timbre vielseitig charakterisiert. Zudem spielt er hervorragend den gebrochenen Herrscher. Sehr überzeugend mimt auch Dilara Baştar die Rolle des Sohnes Fjodor. Das künftige Ensemblemitglied überzeugt überdies mit seinem satten, dennoch weichen und voluminösen Alt. Fjodor und seine Schwester Xenia, mit schönem lyrischem Sopran gesungen von Larissa Wäspy, sind die sichtlich von der gequälten Seele des Vaters traumatisierten Kinder, Boris‘ liebevolle Gesten wirken nicht wärmend auf sie, sondern verstörend. Grotesk wiederum ist die Szene im Wirtshaus mit allerlei seltsamen Gestalten um Lucia Lucas, die den Bettelmönch Warlaam mit einem riesigen Comicgesicht auf dem Kopf gekonnt besoffen mimt. Eindrucksvoll verkörpern ihre Charaktere auch Rebecca Raffell als angsteinflößende Amme, Andrea Shin als Grigori, Max Friedrich Schäffer als Missail, Stefanie Schaefer als Wirtin, Matthias Wohlbrecht mit kräftigem Tenor als Schujski und Gabriel Urrutia Benet als sonorer Duma-Schreiber. Sie alle runden das Ensemble hervorragend ab.

Die Rheinpfalz, Karl-Georg Berg, 21.07.2014

Boris tritt in David Hermanns Inszenierung schon im ersten Bild auf, wo ihm die Befehle des rüden Polizeioffiziers in den Mund gelegt werden. Überhaupt geht der Regisseur, der die Oper im Kostüm der Gegenwart spielen lässt, aber nicht vordergründig in die Jetztzeit verlegt, sehr frei mit der Vorlage um. Er deutet Figuren und Szenen anders als in der Vorlage. Pimen wird zum Beispiel Opfer der Geheimpolizei, und Boris‘ Sohn Fjodor könnte auch ein Mädchen sein. Am wichtigsten ist die Pointierung der Rolle des Gottesnarren, der es zu Boris‘ eigentlichem Gegenspieler und – so David Hermann im Programmheft – zu seinem Dämon wird.

Die Ausstattung von Christof Hetzer und das Lichtdesign von Joachim Klein setzen insgesamt durch einprägsame Bilder starke Akzente bei dieser Inszenierung. Musikalisch hat die Produktion eindeutige Pluspunkte. Johannes Willig arbeitet am Pult der vorzüglichen Staatskapelle die Originalität und klangliche Individualität der Musik Mussorgskys aufs Schönste heraus. In der Titelpartie überzeugt Kammersänger Konstantin Gorny durch einen ebenso klangvollen wie expressiv modellierten Vortrag, der ohne alles Poltern die ganze Vielschichtigkeit dieser gespaltenen Persönlichkeit offenlegt. Kammersänger Hans-Jörg Weinschenk zeichnet ein scharfes Bild des Gottesnarren. Überzeugend charakterisiert Matthias Wohlbrecht den Bojaren Schujski, Avtandil Kaspeli singt mit herrlich weichem Bass und Innigkeit einen großartigen Pimen. Auch das übrige Sängerensemble lässt kaum Wünsche offen. Fulminant agieren Chor und Extrachor in der Einstudierung von Ulrich Wagner und Stefan Neubert. Die letzte Premiere der Saison war ein einhelliger Erfolg beim Publikum.

Badisches Tagblatt, Nike Luber, 21.07.2014

Für die Geschichte von Boris Godunow schuf Ausstatter Christof Hetzer ein kühles, funktionales Bühnenbild. Durch die absenkbare Decke entsteht ein Gefühl klaustrophobischer Enge, das hervorragend zur Atmosphäre des Stückes passt. Die raffinierte Lichtregie taucht das Geschehen meist in ein dramatisches Halbdunkel, das besonders der Szene im Kloster eine spannende Stimmung verleiht. Konstantin Gorny hat sich meisterhaft in die Psyche des Boris Godunow eingefühlt. Das geht weit über seine facettenreiche Stimmführung hinaus. Wenn Boris die Macht übernimmt, drückt Gorny in seiner Körpersprache den Anspruch aus, der Alleinherrscher zu sein. Doch die Pose hält nicht lange, und am Ende sagt Gornys Körpersprache ebenso deutlich, dass der von seinem schlechten Gewissen zermürbte Zar nun für sein Verbrechen gerade stehen wird. Eine großartige sängerische und schauspielerische Leistung.

Sehr präsent agiert Avtandil Kaspeli als unbestechlicher Chronist Pimen. Sein metallisch glänzender Bass unterstreicht die fast schon alttestamentarische Dramatik… Fürst Schujski, der selbst an die Macht will, weiß Pimens unerbittliche Rechtschaffenheit zu nutzen. Matthias Wohlbrecht verleiht dieser zwielichtigen Figur ein näselndes Timbre und herrlich unsympatische Züge. Aus jeder noch so kleinen Rolle macht der Regisseur eine, meist unerfreuliche, Charakterstudie. Die Amme, bedrohlich dargestellt von Rebecca Raffell, hat kein Herz für die verstörten Kinder des Herrschers.

Ausgesprochen klangschön und spielfreudig übernimmt der Badische Staatsopernchor die Rolle des Volkes. Das soll den neuen Herrscher preisen, den es weder kennt noch liebt. Das Murren über dessen Herrschaft ertönt immer lauter. Am Ende wird es den ungeliebten Zaren Boris töten. Rein symbolisch, aber eindrucksvoll. Die Badische Staatskapelle leuchtet unter Leitung von Johannes Willig die Ausdrucksvielfalt von Mussorgskys Musik aus. Leise und doch dramatisch verraten die Unterstimmen oft shcon als erste, was sich anbahnt. Sehr schön kommt der russische Tonfall zum Tragen, den Mussorgsky ganz bewusst hinein komponiert hat. Der klagende Duktus, die Harmonik, die so gar nichts Italienisches an sich hat, und nur wenige, dann aber richtig üppige Steigerungen. Musikalisch ist dieser „Boris Godunow“ schlüssig gestaltet und die auf das Psychologische ausgerichtete Inszenierung sorgt dafür, dass jede Figur in all ihren Widersprüchen etwas Menschliches hat.

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