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RICCARDO PRIMO

Frankfurter Rundschau, Jutta von Sternburg, 26.02.2014

"Lazar hat anderes im Sinn. Er hat Adeline Caron eine mehrteilige Spielzeugburg bauen lassen, die auf schwarzem Grund sich erhebt und nachher öffnen wird wie ein Schatzkästlein, um ihr dekoratives Inneres zu offenbaren. Er hat Alain Blanchots glänzend sitzende Kostüme herstellen lassen, die im Kerzenschein glitzern, aber weit vom Rokoko-Pomp entfernt sind. Und er bietet selbst eine höchst artifizielle, detaillierte Personenführung, die aus Menschen, auch mit großartig überschminkten Gesichtern, wunderbar bewegliche Marionetten macht. Man weiß ja seit Heinrich von Kleist, dass Marionetten nicht steif sind. Sie sind sogar übermäßig beweglich, dabei leicht, zart und quasi übernatürlich. Wenn eine Marionette mit der Faust auf den Tisch haut, ist das ein Witz, aber ein rührender. Wenn ein Barocksänger seine Wut auf die Welt in einer Arie herausschleudert, ist das eine Tonkaskade, für die man Jahre seines Lebens dranhängen muss. Lazar sorgt dafür, dass man sieht, was man hört: Affekte, wüste und zivilisierte, transformiert in Klang und Bewegung, die sekündlich Disziplin verlangen und dabei minimalistisch wirken."

Badische Zeitung, Georg Rudiger, 26.02.2014

"Es sind die Solisten, die diesem 'Riccardo Primo' Aussagekraft verleihen. Star des Ensembles ist der argentinische Countertenor Franco Fagioli in der Titelrolle, der in der Vergangenheit schon mehrfach in Karlsruhe für Begeisterungsstürme sorgte. Besonders eindrucksvoll sind seine lustvoll zelebrierten Registersprünge von tiefer Bruststimme bis ins höchste Falsett. Fagioli besticht durch atemberaubende Koloraturen und höchste Phrasierungskunst. Er inszeniert regelrecht die Musik, wenn er bei "Quanto tarda il caro bene" ("Wie lange zögert meine Geliebte"), dem Arioso im zweiten Akt, das Wort "Quanto" lange dehnt und durch An- und Abschwellen der Stimme expressiv auflädt. Emily Hindrichs verleiht mit ihrem klaren Sopran Riccardos Verlobter Costanza edle Züge. Wenn die Regie den beiden für einen Moment körperliche Nähe gestattet und sie beim Liebesduett "T’amo sì" zusammenführt, dann entstehen auch szenisch berührende Augenblicke. Im Lauf des Abends nimmt "Riccardo Primo" an Fahrt auf. Das Orchester spielt sich frei – und lässt im dritten Akt auch die plastisch komponierte Kriegsmusik mit Hörnern, Pauken und Trompeten lebendig werden. Franco Fagioli darf ein letztes Mal mit vokalen Kunststücken glänzen, eher der erfolgreiche Feldherr Costanza sein Löwenherz schenkt."

Fränkische Nachrichten, Dieter Schnabel, 26.02.2014

"Dazu kommt die musikalische Seite der formidablen, festspielwürdigen Aufführung. Unter der ebenso umsichtigen wie kompetenten Leitung des Gießener Generalmusikdirektors Michael Hofstetter interpretieren die Deutschen Händel-Solisten "Riccardo Primo" sowohl nuancenreich als auch ausdrucksstark. Dabei verdient der Cembalist Thomas Leininger ein Sonderlob für sein einfühlsames Spiel und die Leitung der Rezitative. In der Titelrolle brilliert der Countertenor Franco Fagioli mit dieser Stimmlage eigenem, in dieser Art meisterhaftem Ausdruck. Lisandro Abbadie leiht seinen profund-expressiven Bass seinem Gegenspieler Isacio. Tief empfindend gestaltet die Koloratursopranistin Emily Hindrichs die Partie der Costanza. Die leidenschaftlichere Aufgabe als Pulcheria bewältigt die Sopranistin Claire Lefilliâtre nicht minder überzeugend."

Financial Times online, Shirley Apthorpe, 25.02.2014

"Handel wrote the opera for three of the greatest singers of his time, and a set that requires singers to advance to the footlights if they are to be seen at all gives every chance for vocal display. Here, Karlsruhe has done several things very right.
Franco Fagioli is one of them. In the title role, the star countertenor delivers an account that might have given Handel’s Senesino (for whom the part was written) a run for his money. A huge vocal range, seemingly effortless coloratura, superlative musicality and a visceral thrill in the singing itself – this production is worth seeing for Fagioli alone.
As his faithful Constanza, ensemble member Emily Hindrichs makes a fine match, with just the translucent, otherworldly sweetness the part demands. Lisandro Abadie makes a formidable bass villain as Isacio, Andrew Finden adds nobility to the small role of Berardo, while Nicholas Tamanga and Claire Lefilliâtre warm into their parts as the evening progresses.
Michael Hofstetter keeps the pace taut, with a spring in his beat and a keen ear for the singers. The players of the Deutsche Händel-Solisten respond with brisk, clean playing; yet all of them know to stretch and sigh in the work’s episodes of lament."

Pamina, Christine Gehringer, 25.02.2014

"Und Franco Fagioli? Er ist erwartungsgemäß der Star des Abends. Die Koloraturen sitzen, die makellos anschwellenden Töne sind eine Demonstration. Sein honigfarbener Counter-Tenor klingt nach weiblichem Mezzo (nicht von ungefähr wird er immer wieder mit Cecilia Bartoli verglichen), er reicht vom schwarzen Bass-Register hinauf bis in die Schnee- und Eisregionen eines Soprans. Dazu sind die Deutschen Händel-Solisten mit Michael Hofstetter am Pult wie gewohnt spritzige, zuverlässige Partner: Sie spielen pointiert, explosiv, kühn und trocken. Sie weben zarte Lyrik, setzen wunderbare Effekte in den Solo-Instrumenten (hinreißend zum Beispiel die flötenumspielte Arie "Il volo cosi fido", wo das kleine Vögelchen, das ins Nest heimfliegt, allegorisch nachgezeichnet wird). Eine durch und durch festspielwürdige Aufführung."

die deutsche bühne online, Georg Rudiger, 25.02.2014

"Der Schein der Kerzen, von denen die meisten unsichtbar am vorderen Bühnenrand aufgestellt sind, gibt die Position der Sänger vor. Wer eine Arie zu singen hat, kommt nach vorne, um sprichwörtlich im Rampenlicht zu stehen. Der Rest des Bühnenpersonals ist im Hintergrund platziert, was auf Dauer in seiner Vorhersehbarkeit eher ermüdet. Echte Interaktion zwischen den Figuren findet so gut wie keine statt. Ein Musiktheaterabend ohne künstliches Licht, ohne Videos, ohne Drehbühne: Händel unplugged. Radikal entschleunigt, bewusst stilisiert, ohne jeden Gegenwartsbezug. Ein in seiner Rückwärtsgewandtheit fast schon wieder provokativer, radikaler Ansatz, aus dem heraus in Karlsruhe allerdings nur selten Funken sprühen. Adeline Caron hat für die Kreuzfahrergeschichte eine mittelalterliche Burg gebaut, deren massive Mauern, um 180 Grad gedreht, einen funkelnden Palast offenbaren. Auch die golddurchwirkten Kostüme von Alain Blanchot sind schön fürs Auge. Museale Pracht, die mehr Distanz als Nähe schafft.

Es sind die Solisten, die diesem “Riccardo Primo” Aussagekraft verleihen. Star des Ensembles ist der argentinische Countertenor Franco Fagioli in der Titelrolle, der in der Vergangenheit schon mehrfach in Karlsruhe für Begeisterungsstürme sorgte. Besonders eindrucksvoll sind seine lustvoll zelebrierten Registersprünge von tiefer Bruststimme bis ins höchste Falsett. Fagioli besticht durch atemberaubende Koloraturen und höchste Phrasierungskunst. Er inszeniert regelrecht die Musik, wenn er bei “Quanto tarda il caro bene” (Wie lange zögert meine Geliebte), dem Arioso im zweiten Akt, das Wort “Quanto” lange dehnt und durch An- und Abschwellen der Stimme expressiv auflädt. Emily Hindrichs verleiht mit ihrem schlichten, klaren Sopran Riccardos Verlobter Costanza edle Züge. Und wenn die Regie den beiden für einen kurzem Moment körperliche Nähe gestattet und sie beim Liebesduett “T’amo sì” zusammenführt, dann entstehen auch szenisch berührende Augenblicke."

Lesen Sie hier die vollständige Kritik.

Der neue Merker online, Gerhard Hoffmann, 24.02.2014

"Die Intendanz des Badischen Staatstheaters versprach zur Eröffnung der „Händel-Festspiele 2014“ ein Fest der besonderen Art und übertraf dieses Versprechen. Zu den optischen Reizen wurden zudem die Ohren mit akustischen, kulinarischen Genüssen verwöhnt. Am Pult des Ensembles Deutsche Händel-Solisten waltete in vorbildlicher Weise Michael Hofstetter, spielte Händel mit feinsinnigem Gespür, das seinesgleichen sucht. Hofstetter belässt es nicht bei der überwältigenden Brillanz und Musizierfreude dieses speziellen Orchesters, in mitreißender Energie versteht er es vom ersten bis letzten Ton, diese umfangreiche und farbenfrohe Partitur zu vermitteln. In überzeugender Weise spürt der versierte Dirigent verhaltene Zwischentöne auf, meidet hingegen oberflächliche Effekte und garantiert eine schwungvolle musikalische Wiedergabe. Dem präzise musizierenden Orchester entlockte er einen herrlich warmen, pastosen Streicherklang, ließ die Holzbläser betörend aufspielen, schenkte den Trompeten satte Klangentfaltung, den Trommeln eine pompöse, leicht primäre Aussage und vereinte das gesamte Instrumentarium zu transparentem, exzellenten Spiel von höchster Qualität.

Als Titelheld brillierte in den unzähligen Arien ein in Karlsruhe gern gesehener und heißgeliebter Gast Franco Fagioli. Ausdrucksstark betont der argentinische Countertenor die heldenhaften Züge des englischen Königs, beeindruckt mit seinem herrlichen Timbre, den sauberen, klaren Koloraturen, präzisem Rhythmus der Tongebungen, exzellenter Phrasierung und bester Artikulation seiner ausgewogenen, flexiblen Dreioktaven-Stimme mit den bruchlosen, atemberaubenden Registerwechseln. Im durchweg homogenen Solistenensemble glänzte bei den beiden Damen ganz besonders Emily Hindrichs, sie gestaltete die Braut Riccardos, Costanza mit erlesen timbriertem Sopran von enormer Beweglichkeit, betörend schönem Klang, fein nuancierten Stimmfacetten, traumwandlerischen Registerverblendungen, wunderschönen Höhenaufschwüngen. Zudem bezauberte die Sängerin mit dem Liebreiz einer dezenten Ausdrucksscala. Zum Klang variabler Melodien gestehen sich unzählige Male mit T´amo, si Costanza und Riccardo beim zweiten Aktfinale ihre Liebe und es erklang das wohl schönste komponierte Duett aus der Feder Händels. Dem intriganten Isacio verleiht Lisandre Abadie darstellerisch die hintergründige Verschlagenheit, kernig klingt der junge Bass aus Argentinien, bietet den technischen Finessen der Partie mit virilem Timbre Paroli, doch fehlt den Registern die Flexibilität. Der Oronte dagegen lag dem Countertenor Nicholas Tamagna gebührend gut in der Kehle, schlank, bestens differenziert kam die Stimme im warmen Mezzoton daher. Baritonale, weiche Dichte schenkte Andrew Finden dem Berardo."

Lesen Sie hier die vollständige Kritik.

Mannheimer Morgen, Thomas Weiss, 24.02.2014

"Am Pult der auf historischen Instrumenten souverän musizierenden Deutschen Händel-Solisten formt Michael Hofstetter suggestiv die Kontraste und Feinheiten der vierstündigen Aufführung. Bei dem umjubelten Countertenor Franco Fagioli in der Titelpartie und der geschmeidig agierenden Sopranistin Emily Hindrichs als seiner Braut Costanza geht das szenisch-gestische Konzept der Inszenierung weitgehend auf. Ebenso fasziniert das edle Sopran-Timbre von Hindrichs. Und Countertenor Nichola Tamagna singt ungemein kraftvoll."

Eßlinger Zeitung, Martin Roeber, 24.02.2014

Festival-Chef und Dramaturg Bernd Feuchtner zeigt bei der Zusammenstellung des Solistenensembles wieder einmal eine glückliche, sachkundige Hand. Der argentinische Bass Lisandro Abadie ist ein kräftig auftrumpfender Isacio, Herrscher von Zypern. Die Sopranistin Claire Lefilliâtre als dessen Tochter Pulcheria, Kontratenor Nicholas Tamagna als Oronte, Fürst von Syrien, und Bariton Andrew Finden als treuer Berardo singen (und gestikulieren) wahrhaft auf Festival-Niveau.
Zudem kann Karlsruhe mit einem Originalklang-Orchester prunken. Die Deutschen Händel-Solisten in der Leitung von Michael Hofstetter überzeugen durch ihr engagiertes, plastisches, dynamisch differenziertes Musizieren. Händel verlangt für seinen „Riccardo“ ein reich besetztes Orchester. Theorbe, Lauten und Gitarre sorgen in der Generalbass-Gruppe für den typischen Drive. Die beiden Hornisten (`Christian Binde und Renée Allen) blasen ihre Naturinstrumente ganz ohne Kiekser. Und die hervorragenden Cembalisten Rien Voskuilen und Thomas Leininger schaffen die nötige harmonische Grundierung.

Badisches Tagblatt, Nike Luber, 24.02.2014

"Wenn Gemälde von der Wand steigen und singen könnten, würde es aussehen wie die Inszenierung von "Riccardo Primo" am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Mit der selten gespielten Oper über den legendären englischen König Richard Löwenherz wurden die Internationalen Händel-Festspiele Karlsruhe eröffnet. Regie führte der junge französische Regisseur Benjamin Lazar, der "Riccardo Primo" so konsequent barock in Szene gesetzt hat, dass es schon fast wieder revolutionär ist.

Lazar leistet sich den Luxus, das Stück einfach für sich sprechen zu lassen. Adeline Caron schuf ein variables Bühnenbild, außen mittelalterliche Festung, innen schöner Wohnen zwischen weißen Marmorsäulen. Vor diesem Rahmen entfalten Alain Blanchots Kostüme eine spektakuläre Wirkung. Zypern gehörte zum byzantinischen Reich, und so sehen die Gewänder des zyprischen Herrschers Isacio, seiner Tochter Pulcheria, deren Verlobten Oronte und des Hofstaats aus als seien byzantinische Mosaike zum Leben erwacht. Neben dem dunkelgoldenen byzantinischen Glamour besehen aber auch die Rot- und Orangetöne der Vertreter des Abendlandes. Das alles wird nicht von Scheinwerfern ausgeleuchtet, sondern durch Kerzen und Fackeln in ein geheimnisvolles Halbdunkel getaucht."

Die Rheinpfalz, Karl Georg Berg, 24.02.2014

"Nein, es war kein Opernmuseum und keine Rekonstruktion der Situation in London vor 287 Jahren, sondern die faszinierende Einstudierung einer Barockopermit denihr gemäßen szenischen Mitteln: die Inszenierung des „Riccardo Primo“ zur Eröffnung der Händel-Festspiele des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Musikalisch ist die Produktion allemal ein Ereignis. Die Deutschen Händel-Solisten spielen unter Michael Hofstetter in großer Besetzung (alleine drei Lauten) fulminant. Der Dirigent weiß alle Reize der Partitur ideal auszuspielen. Seine Wiedergabe hat immense Spannung, aber auch große Innigkeit bei den klagenden und empfindsamen Affekten. Exzellent hat Thomas Leininger die Rezitative einstudiert."

opernnetz.de, Eckhard Britsch, 24.02.2014

"Was macht diese Produktion zur Eröffnung der Händel-Festspiele festspielwürdig? Es ist das Fest der Sinne, das die hoch ästhetisch ausgerichtete Inszenierung anrichtet. Regisseur Benjamin Lazar, der Franzose betreut erstmals in Deutschland eine Produktion, hat mit und für seine Sänger-Darsteller das gestische Repertoire der Barockoper wieder entdeckt. Die Bewegungen fast in Zeitlupe, die Gesten so vielfältig und stimmig, dass jeder Schritt und jede Bewegung zum Erlebnis wird. Alain Blanchot hat opulente Kostüme mit edlen Stoffen entworfen, die barocke Gemälde zitieren, auch an Renaissancebilder erinnern. Im Halbdämmer mit einigem Kerzenlicht entsteht eine ganz eigene Atmosphäre, in der weibliche Grazie und Anmut mit männlicher Künstlichkeit kontrastieren. Das alles geschieht vor verschiebbaren und immer wieder neu kombinierbaren Mauerelementen von Adeline Caron, die dem 12. Jahrhundert während der Kreuzzüge entlehnt scheinen und gleichwohl mit spielerischer Ironisierung arbeiten."

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Badische Neueste Nachrichten, Isabel Steppeler, 24.02.2014

"Auf den Rängen wird gegluckst, wenn Franco Fagioli in einer Arie kurz mal einen kleinen Sinkflug in männlich grollende Bariton-Tiefen auskostet. Nur eine kleine Spielerei, die der Star-Counter da aus seinem Brokat-Ärmel schüttelt: Ein Hinweis auf den Boden seines Stimmumfangs, dessen Himmel drei Oktaven höher liegt. Dort oben holt der argentinische Publikumsliebling in Karlsruhe immer zu Händel-Festspiel-Zeiten richtig aus für rasante Koloraturen. Und dort oben trifft er sich nach einigen leidvollen bis wutentbrannten Arien schließlich mit der ihm absolut ebenbürtigen Partnerin Emily Hindrichs in der Rolle seiner Verlobten Costanza für das einzige Duett der Oper „Riccardo Primo“. In diesem Augenblick tut es ein voll besetztes Opernhaus den 800 Kerzen auf der Bühne gleich. Es schmilzt dahin. Und jubelt sich anschließend zurück in diese faszinierende alte Welt, die der französische Regisseur Benjamin Lazar für die Karlsruher Händel-Festspiele geschaffen hat."

Welt.de, Manuel Brug, 24.02.2014

"Der König zieht das Schwert, schwingt den Purpurmantel. Die Krone strahlt, die Perücke sitzt, der Harnisch funkelt. Die Töne schwellen an und ab, schwingen sich in steile Höhen und profunde Tiefen, jauchzen, frohlocken, gleißen und glimmern. Franco Fagioli, der augenblicklich ausdrucksstärkste, technisch makelloseste, volumensatteste und klangsinnlichste Countertenor überhaupt, rührt nicht nur als Sänger, er begeistert auch als Figur.

Durch Alain Blanchots fein fallende Kostüme, die als bedrucktes Goldmosaik, Brokat, bronzierte und polierte Fläche, mit Kronen, Schmuck und Strassverzierungen ebenfalls so viel Licht wie möglich widerscheinen lassen, vermeint man in ein präraffaelitisches, dabei höchst lebendiges Gemälde zu tauchen.

Eine scheinbar simple, aber hochartifizielle Szenerie ist das. Die den Blick schärft, das Ohr spitzt. Man treibt dahin, entschleunigt, gelassen und befriedigt, glücklich wie ein naiv staunendes Kind und pflückt dabei ein Glied nach dem anderen aus Händels köstlicher Arienkette, die die deutschen Händel-Solisten unter dem wachen, betriebsamen Michael Hofstetter und dem quecksilbrigen Thomas Leininger am Cembalo mit Verve und Feinarbeit abwickeln."

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Stuttgarter Zeitung, Markus Dippold, 24.02.2014

"Natürlich neigt die barocke Opera Seria mit ihrem formelhaften Charakter zu einer gewissen Starre; doch dass man diese Stücke sehr wohl aktualisieren kann, ist zu erleben. Man denke nur an Jossi Wielers Stuttgarter `Alcina`."

Bayerischer Rundfunk, Volkmar Fischer, 22.02.2014

"Der Münchner Dirigent Michael Hofstetter weiß bei dieser Oper um den instrumentatorischen Ehrgeiz Händels: Da darf sich mal die Sopraninoblockflöte in Szene setzen, mal die Basstraversflöte, anderswo Hörner oder auch Trompeten und Pauken. Die Deutschen Händel-Solisten haben während der Proben offenbar an jedem Affekt gefeilt, rhythmische Einzelheiten minutiös geprobt, dynamische sowieso.

Wichtige Lichtquellen dieser optisch faszinierenden Neuproduktion des französischen Regieteams um Benjamin Lazar sind Kerzen, die von der Bühnenrampe aus Kulissen und Kostüme farblich wärmen. Vor einer auf Zypern zu denkenden, teil- und drehbaren Schlossmauer, auch inmitten eines zwischen Orient und Okzident angesiedelten Palastinnenhofs entfaltet sich die typisch barocke Bewegungschoreographie: mit Gesten und Schrittfolgen, wie wir sie etwa von Gemälden kennen. Gemessene Auf- und Abtritte zeichnen die Figuren als Wesen voller Würde und Eleganz; das artifizielle Spiel vom Körper weg gehaltener und nach außen gedrehter Hände und Arme erinnert an Marionetten. Das ist amüsant, aber Paolo Antonio Rollis Libretto breitet ohnehin eine Liebesgeschichte aus, die uns den einen oder anderen Mundwinkel nach oben zieht, nicht selten auch beide gleichzeitig.

Wenn aber, wie jetzt in Karlsruhe, Barockoper ausnahmsweise nicht als Folie für Seifenoper fungiert, als Tummelwiese für Aktualisierung und Persiflage, wie heute üblich, erweitert sich unser Wahrnehmungshorizont Richtung Musik und Gesang. Händel lotst uns gleichsam in Kellergeschosse unserer Gefühle, und seine Brennstoffe setzen nachhaltige Energien frei."

Hier geht's zur vollständigen Kritik.

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